"Vorarlberger Volksblatt" vom 30.9.1913


Nenzing, 29.Sept. (Der Fall Heimgärtner.) Der nicht ganz 30 Jahre alte Forstjäger Josef Heimgärtnerund der ledige Forstjäger Schneeberger, der aus Tirol stammt und erst etliche Wochen lang seinen Dienst versieht, streiften am Freitag am Salarueljoche. Dieses Gebiet ist für Wilderer aus der Schweiz sehr günstig und wird von solchen stark besucht; doch die beiden Jagdaufseher fürchteten als schneidige junge Leute keine Gefahr des Weidmannlebens und betraten das von jeher für Forstjäger gefährliche Gebiet. Am Freitag, nachmittags 3 Uhr, wollten Heimgärtner und Schneeberger einen Schweizer Wilddieb verhaften; ehe ihnen dieses gelang, streckte ein Spießgeselle des Betretenen den Heimgärtner mit einer sicheren Kugel tot nieder, während eine Kugel die Füße Schneebergers (in den Weichteilen) traf. Der Verwundete sah eine furchtbare Nacht und wohl den sicheren Erfrierungstod vor sich; er bat die Schweizer Wilddiebe, sie möchten ihn auch töten; die beiden Schweizer antworteten auf dieses Begehren mit Hohn. Schneeberger kroch von der Unfallstelle unter großen Schmerzen nach der Panülalpe, die ein normaler Fußgänger vom Fuße des Salarueljoches aus in 1 ½  Stunden erreicht. Am Samstag ½ 9 Uhr früh, fand ein Schweizer, der kurz vorher auch unter dem Verdachte der  Wilddieberei stand, sich aber als harmlos auswies, den angeschossenen Schneeberger und brachte ihm Hilfe; glücklicherweise  war im Nenzingerhimmel ein Mediziner, der dem Verwundeten den ersten ärztlichen Beistand leisten konnte. Weil die beiden Jagdaufseher am Freitag abends nach Gamperdona nicht zurückgekehrt waren, fürchtete man um deren Wohlbefinden. 2 Finanzwachleute und Jagdpersonal machten sich auf die Suche; unterdessen war Schneeberger von dem Schweizer aufgefunden worden; er wurde dann nach Nenzing gebracht und in das Feldkircher Spital überführt. Die Leiche Heimgärtners wurde hierher gebracht und wird am Dienstag ½ 8 Uhr früh, beerdigt; der Verstorbene hinterläßt eine 50 Jahre alte Witwe. Den Angehörigen des Unglücklichen, der ein Opfer seiner Berufstreue wurde, ebenso dem verletzten Schneeberger wendet sich allgemeine, aufrichtige Teilnahme zu. Begreiflicherweise ist die Aufregung über das rücksichtslose Vorgehen der Schweizer Wilddiebe, die mit ihrem kühlem Uebermut das Leben eines Menschen wie das eines Tieres vernichten, um ihren Kollegen von der Strafe für einen Wildfrevel zu retten sehr groß und macht sich in ungeschminkten Worten Luft. Von dem Mörder fehlt bisher jede Spur; um den Betretenen zu erkennen hat man Anhaltspunkte.
Zum traurigen Fall Heimgärtner wird von anderer Seite berichtet: Die Jagdaufseher Heimgärtner und Schneeberger bemerkten am Freitag auf der Alpe Setsch etwa 400 Meter vor sich 2 vermutliche Wilderer; diesen kamen H. und Sch. unbemerkt bis auf 50 m nahe, worauf die Wilderer bis zum Gebirgskamm flohen, dort aber nicht mehr weiter kamen. H. und Sch. riefen um ½ 3 Uhr nachmittags den beiden zu: "Legt die Gewehre nieder!" Einer mit Vollbart antwortete: "Wir ergeben uns nicht!", wollte zwischen H. und Sch. entkommen und wurde von letzterem aufgehalten. Beide rutschten über einen Steinkar hinunter. Als Sch. den Schweizer nicht losließ, suchte dieser vergebens dem Sch. das Gewehr zu entreißen. H. drückte jetzt due Befürchtung aus, es gebe ein Unglück. Da krachte 150 m weiter oben ein Schuß, H. suchte hinter einem Steine Deckung; ein zweiter Schuß, H. rief "Oh weh!" und sank mit einem Schuß im Schulterblatt und in der Brust tot um. Darauf ein dritter Schuß, der Sch. durch beide Schenkel drang, und der Wilderer bei Sch. entkam. Vom Gebirgskamm erscholl bitterer Hohn. Frost- und schmerzgebeutelt kroch Sch. bis zum "Hirschseele", wo am Samstag, 7 Uhr früh, ein Mann kam und fragte: "Wo ist der Sepp?" Dann kam die Rettungskolonne, dabei der alte Heimgärtner, ein Jagdpächter, ein Mediziner; 6 Mann brachten Sch. ans Land.

 

Originalbericht Vorarlberger Volksblatt
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