"Vorarlberger Landes-Zeitung" 29.9.1913


Feldkirch, 28. Sept. (Von Wilderern erschossen.) Ein erschütternder Vorfall, bei dem ein Jagdaufseher getötet und einer schwer verletzt wurde, spielte sich am 26. d.M. in den Bergen des Gamperdonatals, unweit der österr.-schweiz. Grenze, ab. Der schwerverletzte Felix Schneeberger der die Katastrophe miterlebt hat, und der sich jetzt im Stadtspitale in Feldkirch befindet, gab unserem Korrespondenten folgende wortgetreue Schilderung: "Wir begaben uns am Freitag früh von St. Rochus auf die Alpe Setsch im Gamperdonatale. Dort bemerkten wir zwei Männer, die, ca. 400 Schritte von uns entfernt, Panül zu stiegen. Wir gingen ihnen nach, da wir in ihnen Wilderer vermuteten; Schüsse fielen nicht. Als wir ihnen bis auf 50 Schritte nachgeschlichen waren, bemerkten sie uns. Die Wilderer, die lange Martini-Gewehre bei sich trugen, liefen nun davon. Sie konnten jedoch auf dem Gebirgskamme bald nicht mehr weiter, weshalb sie auf unser Kommen warteten. Wir riefen ihnen zu: "Legt die Gewehre nieder!", was sie jedoch nicht taten, vielmehr antwortete der eine von ihnen, mit Vollbart, "Wir ergeben uns nicht", worauf er gleichzeitig zwischen uns durchrennen wollte. Ich sprang auf ihn los, worauf wir beide über eine Geröllhalde abrutschten, die Gewehre mit. Als wir auf einem Felsplateau zum Stillstande kamen, bat er mich ich solle ihn loslassen. Weil ich dies nicht tat, versuchte er mir mein Gewehr zu entreißen, was ihm aber nicht gelang. Dann kam der andere Jagdaufseher, Josef Heimgärtner, herab und teilte mir mit, daß sich der andere Wilderer absolut nicht ergeben wolle, es gebe noch ein Unglück. Im selben Momente krachte ein Schuß, der von dem ca. 150 Meter weiter oben befindlichen Wilderer abgegeben wurde. Heimgärtner wollte hinter einem Steine Schutz suchen, gleich darauf krachte ein zweiter Schuß, Heimgärtner schrie "o weh" und fiel mit einem Schuß durchs Schulterblatt und Brust tot um. Es war zwischen 2-3 Uhr nachm. Ich rief dem Mörder angesichts dieser Situation nun zu, er solle mich in Gottes Namen gerade auch erschießen. Dann bat ich den Wilderer inbrünstig, er solle mir helfen den Toten zu bergen. Hierauf fiel wieder ein Schuß, der mir beide Schenkel durchbohrte. Wie dies der andere, der neben mir war, sah, lief er fort. Auf dem Gebirgskamme oben verhöhnten sie mich noch. Nun kamen schreckliche Stunden; es wurde Abend. Mich schüttelte es vor Kälte und Schmerzen, die Kräfte verließen mich und ich glaubte, sterben zu müssen. Als ich mich wieder etwas erholt hatte, kroch ich auf dem Rücken über die Geröllhalden hinab. Ich rief fortwähend um Hilfe. Gegen 7 Uhr früh des nächsten Tages befand ich mich in der Nähe des Hirschsees. Dort sah ich einen Mann, der glaublich ein Bruder des Erschossenen war. Er fragte mich: "Wo ist der Sepp?", worauf ich ihm traurig mitteilte, er sei schon tot. Dann kamen mehr Leute, darunter der Jagdpächter Stockar, der Vater des getöteten Heimgärtner und Touristen, unter ihnen ein Mediziner, der mir die Wunden verband. Sechs Mann tragen mich zu Tal und dann gings per Wagen nach Nenzing, wo wir gegen Abend ankamen. Jagdpächter Stockar und ? brachten mich nun per Automobil nach Feldkirch." Schneeberger, der 42 Jahre alt ist, befindet sich verhältnismäßig wohl; er hat auch starke Hautabschürfungen an den Händen, Knien und am Rücken erlitten, herrührend von stundenlangem Kriechen. Heute begab sich eine Gerichtskommission von Bludenz ins Gamperdonatal, welche erst am Montag zurückkehrt. Die Wilderer sind entkommen. Es sind vermutlich Schweizer von Graubünden. Heimgärtner wird voraussichtlich am Dienstag in Nenzing beerdigt werden. Er war 26 Jahre alt und verheiratet.
 
 

 

Originalbericht Vorarlberger Landeszeitung
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